Interview mit Heriberto & Essen „Raices de la tierra“

In unserem Blog teilen wir nun in nächster Zeit Stimmen aus verschiedensten Bereichen. Diese Interviews/ Gespräche mögen uns alle als Inspiration und vielleicht sogar Mutmacher in dieser doch sehr eigenwilligen Zeit sein. Beginnen wollen wir diese Interviewreihe mit Heriberto & Essen aus Mexiko. Über COVID, die Wurzeln der Erde Familie, Vernetzung & Utopien die Wirklichkeit werden …

Meeting 17. Feb 2021

COVID

Wie wir alle wissen, hat die Pandemie große Auswirkungen auf der gesamten Welt und in einigen Teilen, wie hier in Europa, sind die Verbote und Verordnungen teilweise sehr streng, die uns für viele Monate mit geringen Sozialkontakten isolativ leben lassen. Die Ängste, die Isolation und auch Depressionen steigen in unserer Gesellschaft. Die Möglichkeit uns zu treffen, um unsere Zeremonien zu machen sind quasi verboten. Hast du Worte hierfür, die du mit uns gerne teilen möchtest?

Heriberto:  Verliert euch nicht! Macht Zeremonien in der Nacht dort wo es ruhig ist, ohne es öffentlich zu machen. Macht dies nur in kleinem Rahmen innerhalb der Feuerfamilie, denn wenn ihr lange Zeit keine Zeremonien macht, wird auch der “Spirit” sehr traurig, wenn dies für zu lange Zeit vernachlässigt wird. Macht es irgendwo, wo ihr niemanden stört, in einem Dörfchen, oder auf einem uneinsichtigen Platz. Wie lange ist das nun bei euch schon so?

Iris (Interviewpartnerin): Nach dem Sommer haben wir nun wieder seit Ende Oktober Lockdowns in denen Treffen mit Gruppen laut Verordnung nicht gestattet sind.

Heriberto: Und wie lange geht das bei euch noch, wisst ihr da schon etwas? Hier in Mexico ist es nun so, dass wir von 12.Februar 2021 bis 12.Dezember 2021 keine Verbote und Verordnungen mehr haben.

Iris: Bei uns gibt es immer noch sehr viele Verbote/Verordungen und das Land wird schrittweise geöffnet. Wir wissen es nicht, wie lange dies noch so gehen wird, ab wann wir wieder Treffen machen dürfen oder wann wieder Zeremonien (wie die Schwitzhütte) möglich sein werden.

Hat die Pandemie auf euch und euer zeremonielles Leben große Auswirkungen?

Heriberto: Die Pandemie hat auch hier Auswirkungen auf unser zeremonielles Leben in Mexiko. Wir laden die älteren Großmütter und Großväter nicht zu uns ein, da wir sie so schützen wollen. Zum Beispiel Großvater Tom, Großmutter Loretta und Großvater Milo (Sonnentanzleader, Oglala Lakota und Mohawk Tradition) haben wir letztes Jahr nicht eingeladen und so gab es auch keinen Sonnentanz, nicht bei uns, und auch bei keinem anderen Tribe, aus Respekt vor den Ältesten. Heuer wollen wir wieder alle Zeremonien machen, zumindest in Mexiko.

Habt ihr die Zeremonien nur in Mexiko abgehalten, oder auch in Chile?

Heriberto: Nur in Mexiko, denn auch in Chile ist es derzeit unglaublich schwer, dort ist momentan eine sehr militante Regierung.

Da ihr dieses Jahr wieder viele Zeremonien abhalten wollt, würde ich gerne wissen, ob ihr auch wieder eine Kiva in Europa starten wollt? Wenn ja, wo?

Heriberto: Wir würden gerne mit der spanisch-portugiesischen Familie eine Kiva starten, doch auch bei ihnen ist momentan alles geschlossen. Wir können nichts planen. Normalerweise würden wir wieder zwischen April und Mai eine Visionssuche in Portugal haben, da danach bis September kein Feuer entzündet werden darf, wegen Trockenheit und Hitze. Außerdem habe ich mit Helmut und Stefan aus Deutschland geprochen, ob es bei ihnen eventuell möglich wäre eine Kiva abzuhalten, doch auch Helmut meinte, dass es bei ihnen in diesem Jahr schwierig werden wird. Doch 2022 wäre es möglich, meinte er,  denn bis dahin wäre das Land und alles bereit dafür. Gestern habe ich auf Facebook eine offene Nachricht an alle in Mexiko geschickt. In den nächsten 6 Monaten von jetzt bis Juni gibt es glaube ich keine andere Zeremonie, als unsere Visionssuche. In den USA gibt es möglicherweise einen Sundance. Aber das haben die Ältesten noch nicht entschieden. Sie werden niemanden tanzen lassen, der nicht geimpft ist. In den USA werden sie es so machen, weil es viele Älteste gibt, die schon sehr alt sind und zur Risikogruppe gehören. Wir in Mexiko werden wahrscheinlich einen offenen Sundance machen, gleich wie bei der Visionssuche. In Chile weiß ich es nicht, aber ich glaube, dass es auch dort dieses Jahr nicht erlaubt werden wird. Es ist noch nichts sicher, außer den Zeremonien in Mexiko. Und von den Zeremonien in Europa ist keine garantiert.

Werdet ihr weiterhin Visionssuchen weltweit leiten, auch in unserem kleinen Österreich?

Heriberto: Ja klar, wann wollt ihr eine Visionssuche machen? In diesem Sommer wäre es möglich, denn da haben wir noch nicht viel vor!

DIE WURZELN DER ERDE FAMILIE

Was ist die Vision von “Wurzeln der Erde”? Ist es dieselbe, wie die von Tigre Perez?

Heriberto: Ja, zuerst hieß es für 20 Jahre“Canto del pueblo” (Gesang des Volkes), danach 1989 wurde es zu “Canto a la tierra” (Gesang für die Erde) und als wir schließlich auch nach Chile eingeladen wurden und das Feuer in Südamerika begann, andere Traditionen zur Kiva kamen und wir weiter wuchsen, änderten wir es in “Raices de la tierra” (Wurzeln der Erde). Der Name “Canto a la tierra” ist ein geschützter Name der zu Raimundo`s Familie gehört und nachdem wir auch nach Chile gingen, wollte Raimundo´s Familie, dass wir den Namen ändern. RAICES DE LA TIERRA – dieser Name meint “ALLE FEUER, ALLER VÖLKER” und wir tragen dieses Feuer in alle Kontinente. 2015 wurde bei der Kiva in Kolumbien “Naciones Unidas del Espíritu” (Die vereinten Völker des Geistes) geboren, das ist Teil unserer Medizin, Teil von Raices de la tierra, es ist kein externer Name, es ist Teil von uns. Es war so, dass alle Ältesten dieser Kiva Zeremonie 2015 in Kolumbien entschlossen, wir sind die vereinten Völker des Geistes. Mit einer heiligen Tinte aus Tabak unterzeichneten diese Ältesten einen Vertrag, in dem sie sich spirituell vereinten.

Ihr habt 2019 beschlossen im Jahr 2020 nach vielen Jahren zeremonieller Arbeit eine Verschnaufpause einzulegen und weniger Zeremonien zu leiten als die Jahre zuvor, auch um zu spüren, welches die nächsten Etappen für Wurzeln der Erde sind und wie sich unsere globale Familie weiterentwickeln kann. Könnt ihr ein paar Ideen mit uns teilen nach diesem Jahr des Rückzugs, wohin wird es gehen?

Heriberto: Nach diesem Ausruhen werden wir Feuer in zwei weiteren Kontinenten entzünden. Wir möchten nach Afrika und Australien. Das ist nun die wichtigste Aufgabe von ‘Raices’. In Europa wollen wir so fortfahren, dass wir alle 4 Jahre in einem anderen Land eine Kivazeremonie haben, auch in Amerika, jedes 4. Jahr ein anderes Land. In Asien, wo wir derzeit in Indien sind, wollen wir alle 2 Jahre eine Kiva abhalten. Doch auch in Indien ist momentan alles wegen der Pandemie geschlossen. Es gibt keine Visa`s, nichts ist da momentan möglich. Derzeit sind wir auch auf der Suche nach verlässlichen Helfern aus unserer Familie für die Zeremonien in Afrika und Australien. Wir haben in beiden Kontinenten gute Konakte, doch auch dort müssen wir warten, dass wieder Öffnungen passieren. Wir würden uns wünschen, dass aus all unseren Familien Großväter und Großmütter kommen oder gesandt werden, um bei diesen Zeremonien gemeinsam zu beten. Und was Österreich betrifft, so könnten wir nun auch, wie in Jerzes (Mx) eine einmalige Kiva für 2022 planen, zum zehnjährigen Bestehen, um diese Kiva zu ehren.

Weil wir gerade bei der Kivazeremonie sind, was soll eigentlich mit einer Kiva passieren, nachdem ein 4-Jahreszyklus vollendet ist? Es wird ein Ort mit so viel transformativer Energie eröffnet, mit vielen Gebeten von vielen Großmüttern und Großvätern, doch was soll danach mit ihr passieren?

Heriberto: Essen hat eine Idee. Essen: Einen Teich! Heriberto: Macht einen Teich mit Fischen, meint Essen! (lautes Gelächter der beiden) Was passiert ist bei euch in Österreich, ist, dass die Kiva auf einem Ort ist, der keinem aus der Raices-Familie gehört. Sie ist an einem Ort, der für die Zeremonie gemietet wurde. Dort könnt ihr nicht einfach etwas tun, denn es ist nicht euer Land. Doch wenn ihr eines Tages ein eigenes Land habt, auf dem eine Kiva ist, dann könnt ihr sie offen lassen, ansonsten sollte sie verschlossen werden. In Kolumbien ist sie geöffnet, in Chile hatten wir 3 Kiva´s doch alle drei wurden wieder verschlossen, da sie auf einem gemieteten Platz waren. In Jererz (MX) werden am Platz der Kiva beispielsweise regelmäßig Schwitzhütten gemacht, zu den Sonnenwenden wird eine Zeremonie abgehalten und alle vier Jahre treffen wir uns dort. Diese Kiva ist lebendig. Wenn die Kiva geöffnet bleibt, dann sollten Indigene aus eurer Kultur erwählt werden um der Kiva Nahrung und Gebete zu bringen. In Jerez machen dies Huicholes. Das ist es, was mit einer Kiva passieren sollte. In Kolumbien bei den Krishna´s werden auch die Sonnenwenden gefeiert und am Morgen und am Abend wird in der Kiva gebetet. Sie entzünden ein Feuer, singen, laden Älteste aus der Umgebung ein und machen Zeremonien. Dann gehen sie nach Hause, denn dies ist nicht für 4 Tage, aber sie aktivieren sie regelmäßig.

VERNETZUNG

Wie wichtig ist es die globale Familie zu vernetzen? Was ist euer Wunsch und was sind die konkreten Schritte dies zu realisieren?

Heriberto: Der Austausch war bisher für uns in der selben Qualität wie die Natur des Feuers, nicht wir haben es gemacht, sondern die Verbindungen wurden aus dem Feuer selbst geboren. Wir haben nicht nach intellektuellen oder künstlerischen Brücken gesucht, nur nach spirituellen Brücken, denn wir sind in Kontakt getreten mit Zeremonien, Zeremonien mit dem Feuer. Darum wurde daraus für uns eine Familie des Feuers, und dies ist sehr wichtig. Ich habe seit vielen Jahren unglaublich schöne Freundschaften. Der Austausch hat uns ermöglicht, auch eure Kultur besser zu verstehen und ihr die unsere. Es ist eine spirituelle Brücke welche sehr interessant ist. Ich denke, dass wertvollste ist es, dass beide Seiten sich kennenlernen können, miteinander wachsen können, andere Standpunkte kennenlernen, zu sehen, wo wir jeweils stehen. Wir sollen uns unterstüzen, spirituell unterstützen, das ist es, was wir mit unserer globalen Familie bisher gemacht haben. In Europa und Südamerika haben wir unglaublich schöne Kontakte. Wir haben voneinander viel gelernt.

Wie ist der Austausch zwischen Europa und Mexiko für dich? Was ist dein Wunsch für die Zukunft im Hinblick dessen, Heriberto?

Heriberto: Wir arbeiten schon sehr lange in Europa. Nachdem es in jedem Land 4 Jahre sind, weiß ich nicht, ob ich noch “alle Länder durchbekomme”. Ich möchte kein Egoist sein und nur an einem Ort bleiben, sondern versuchen in verschiedenen Ländern mit der Medizin zu “arbeiten”.   Und nach 4 Jahren wieder weiterbewegen, und nach 4 Jahren wieder und wieder, um uns zu erlauben weiterzuwachsen und nicht wie abgestandenes Wasser an einem Ort bleiben. Das erlaubt uns, verschiedene europäische Denkweisen kennenzulernen. In Europa sind viele verschiedene “Tribes” und wir möchten die Verbindung zum Großteil von ihnen herstellen. Die Pandemie hat unsere Arbeit um 1,5 Jahre nach hinten verschoben. Das war auch für uns schwierig. Viele in Portugal/ Spanien sind seit einem Jahr bereit für ihre Visionssuche, diese Familie hat alles vorbereitet, doch das Leben und die Behörden haben uns noch nicht erlaubt, diese Türen zu öffnen. WIR WOLLEN UNS ALLE GEGENSEITIG WEITERHIN UNTERSTÜTZEN. 4 Jahre hier, 4 Jahre da, auf dass eine unglaubliche spirituelle Familie entsteht. Nicht wahr…

UTOPIE

Große Meilensteine der Zivilisation hatten anfangs immer etwas Utopisches. Wie Humor und Satire stößt auch die Utopie die Fenster des Geistes auf. Utopien liefern keine fertigen Antworten, geschweige denn endgültige Lösungen. Um die Tore unseres Geistes und unserer Träume zu öffnen, möchte ich fragen, ob ihr einen utopischen Gedanken mit uns teilen wollt?

Heriberto: Essen möchte dazu etwas teilen! Essen: Freibier für alle! Heriberto: Essen wird Pilot, dass ist seine utopische Idee! (Beide lachen laut auf!) Essen: Ein utopischer Gedanke ist, diesen Austausch zu materialisieren, diesen Austausch zwischen Ländern und Kulturen mit dem Motiv der Einheit, nicht nur um zu feiern, sondern auch spirituell miteinander verbunden zu sein. Einheit des Bewusstseins, Einheit für ein besseres Morgen. Und viele Menschen überall in der Welt leben bereits diese Utopie. Das ist etwas Schönes. So haben sich das unsere Ältesten vielleicht vorgestellt. Die Pandemie hat uns darin gebremst, auf der physischen und spirituellen Ebene, unsere Träume zu leben. In vielen Ländern suchen und leben wir diese Utopie bereits, in Österreich, in Chile oder Italien. Die Pandemie wird uns darin nicht aufhalten. Wir brauchen uns nur weiterhin zu organisieren, voranschreiten innerhalb dieses Prozesses, damit diese Utopie auch morgen physisch, spirituell und harmonisch sein wird. Auf dass wir uns verstehen als Wesen dieser Erde, in vielen Farben und Kulturen und dies im Bewusstsein als Brüder und Schwestern, dieser Erdenfamilie. Das ist es was wir machen, das ist eine utopische Idee, die wir seit vielen Jahren Wirklichkeit werden lassen. – Und Freibier für alle! (Lacht auf!)

Vielen Dank für das Interview und wir hören uns schon bald wieder bezüglich Teil 2 unserer Interviewreihe!

Heriberto & Essen: Saludos a la familia! Aho!

DATEN FÜR ZERERMONIEN IN MEXIKO, alle sind herzlich willkommen!

1.-4. April 2021 Visionssuche in Ixtlan del Rio

15.-18. Juli 2021 Sonnentanz in Ixtlan del Rio

18.-21. Dezember 2021 Kivazeremonie in Ixtlan del Rio

Ein herzlicher Dank gilt,

Davide & Hannah für die Mitarbeit bei der Erstellung des Interviewkonzeptes und Patrick Mayr für die Hilfe bei der Übersetzungsarbeit.

AHERZ